Mehr Mut zur Bühnen- und Lichtgestaltung

„Raum.Bühne“: Zum Thema des diesjährigen SDL in Halle ist im Deutschen Theaterverlag ein Buch erschienen, geschrieben von erfahrenen Schultheater-Praktikern: „Bühne und Beleuchtung. Bühne, Bühnenbau und Bühnenlicht im Schul- und Amateurtheater“.
Mit einem der beiden Autoren, Tilmann Ziemke, sprach Christiane Mangold, selbst Autorin und Herausgeberin diverser Lehrbücher zum Darstellenden Spiel.

Tilmann, wodurch ist dir das Thema Bühnenbild und Beleuchtungso wichtig geworden, dass du ein Buch darüber schreiben wolltest?

Die Beschäftigung mit Bühnenbild und Licht hat in der Arbeit mit meinen Theatergruppen immer eine wichtige Rolle gespielt und war gleichzeitig ein großer Lustfaktor. Wir haben mit einfachsten Mitteln Bühne und Licht gestaltet, wobei die Schüler*innen auch stets bereit waren, dafür Zeit zu opfern. Dazu kommt, dass wir in unserer Schule ganze schlechte Bedingungen hatten: Es gab nur eine große Pausenhalle, die alles andere als geeignet war, um Theater zu spielen. Das stellte uns bei unseren Inszenierungen immer wieder vor erhebliche Herausforderungen. Im Nachhinein betrachte ich diese schlechten Bedingungen eher als Glücksfall, weil sie Phantasie und Einfallsreichtum beflügelten. Zum Glück hatten wir auch einen engagierten Kunstlehrer, der sich uns anschloss und durch hohe ästhetische Ansprüche zusätzlich herausforderte. Und mit der Zeit hat sich ein Know-How herausgebildet, das zusätzlich noch gestützt wurde durch zahlreiche Schüler und auch Schülerinnen, die nach dem Abitur erst einmal eine Tischlerlehre machten, motiviert durch unsere Bühnenbau-Nachmittage. Einer dieser Tischler war Stephan Lipsius, mein Co-Autor, der nach dem Abitur noch über zweieinhalb Jahrzehnte dabei geblieben ist.

Vor welche Herausforderungen hat der Raum Bühne dich und deine Schüler*innen gestellt?

Eine besondere Herausforderung stellte die geringe Höhe unseres Bühnenraums dar. In den ersten Jahren haben wir noch realistische Bühnenbilder entwickelt – das war damals so –, haben dann aber relativ schnell gemerkt, an welche Grenzen man damit kommt. Als wir dann mehr abstrakt gedacht haben, bestand die Herausforderung eben darin, einen Raum zeichenhaft zu gestalten, was aber natürlich immer etwas mit dem Stück zu tun haben muss. Eine weitere Herausforderung bestand darin, vor und nach jeder Aufführung – in der Regel waren es sechs bis acht – alles auf- bzw. abzubauen. Das führte zu einer Perfektionierung der Abläufe, in denen jeder Spieler, jede Spielerin feste Aufgaben hatte, etwas, was zur Gruppenbildung ungemein beitrug. Spannend und herausfordernd finde ich auch, besondere Momente mit Hilfe des Bühnenbildes und des Lichts zu schaffen, Überraschungen, z.B. wenn sich plötzlich ein neuer Raum öffnet oder etwas Unvorhergesehenes geschieht.

Das Buch erschien 2015 beim Deutschen Theaterverlag

Was möchtest du mit deinem Buch erreichen?

Während meiner Tätigkeit als Landesfachberater für Darstellendes Spiel habe ich viele Schulspielstätten in Schleswig-Holstein gesehen, die für das Theaterspiel eigentlich ungeeignet waren und die die Kolleg*innen vor schier unlösbare Aufgaben gestellt haben. Denen wollte ich durch mein Buch Mut machen, die Dinge anzupacken und die ungünstigen Gegebenheiten positiv zu verändern.

Welche Möglichkeiten siehst Du, auch Schülerinnen und Schüler in diese Aufgabe einzubeziehen?

Ich finde es ganz wichtig, die Spieler*innen auch in Fragen der Bühnen- und Lichtgestaltung zu beteiligen. Ich hatte das Glück, dass meine Schüler*innen das eingefordert haben, so dass ich die Erfahrung machen konnte, zu welcher Bereicherung das an Ideen und auch an Manpower führt. Und natürlich spielen die Schüler*innen ganz anders auf einer Bühne, die sie selbst gestaltet und gebaut haben. Das schweißt eine Gruppe auch ganz anders zusammen.

Bühnenbilder sind teuer. Wie finanziert man so etwas in der Schule?

Die Kosten sind für mich kein Argument, auf Bühnengestaltung zu verzichten. Wir haben es immer so gemacht, dass wir 3 bis 5€ Eintritt genommen haben, das hat dann pro Inszenierung etwa 2000€ an Einkünften gebracht. Das reichte auch immer noch dazu, um ein paar Scheinwerfer dazuzukaufen. Aber selbst, wenn das nicht so laufen kann: Ich kenne eine Spielleiterin, in deren Heimatort, einer kleinen Kreisstadt mit 20.000 Einwohnern, es wohl keinen Baumarkt gibt, der nicht schon Material für sie gespendet hat, keine Tischlerei, die nicht schon etwas kostenlos für sie gebaut hat, und keine Firma, die sie nicht unterstützt hat.

Was sind für dich Merkmale eines guten Bühnenbildes?

Es gibt drei wesentliche Merkmale: Das Bühnenbild muss die Idee des Stückes widerspiegeln, es muss Spielräume und Spielimpulse bieten, und es muss arm sein, denn, wie Goethe sagt: Erst in der Beschränkung zeigt sich der wahre Meister.

Gibt es No-Gos für dich?

Ja, das sind ausrangierte Sofas und Klassenzimmer-Möbel. Und: Stühle aus dem Zuschauerraum. Das geht gar nicht.

Hast du ein Schlusswort für uns?

Wie grundsätzlich im Theater gilt auch bei der Gestaltung und beim Bau der Bühne das alte Theaterwort: Scheitern. Wieder versuchen. Besser scheitern.

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