Du wirst wieder okay sein…

Die Mittelstufen-Theater-AG aus Lübeck (Schleswig-Holstein) bei einer Aufführung, Foto: Hendrik Greweke

Schleswig-Holstein mit „AnderLand“, Mittelstufen-Theater-AG, GGS St. Jürgen und Theaterclub Lübeck, Simone Boles/Knut Winkmann

Bestimme dich selbst

Weiße Gestalten liegen unruhig auf weißer Fläche und über sie hinweg zucken Videoprojektionen. Einem Alptraum gleich brechen die Bilder in den Schlaf ein, sie scheinen die Gestalten am Boden umzutreiben. Was ist real und was findet nur im Kopf statt? Diese Grundfrage ist der rote Faden der Szenencollage „AnderLand“. Die Szenenabfolge bringt uns permanent in den Selbstbefragungsmodus: Bin ich eher der analoge oder der digitale Typ? Wie viel dieses medial ferngesteuerten Menschen steckt in mir? Wie abhängig bin ich, wie sehr strukturiert das Netz meinen Alltag und lässt mir keinen Raum für fokussierten Selbstbezug? Bin ich der Mensch, der in der analogen Welt an den kleinen Fallstricken des Lebens verzweifelt: Eine gerissene Brötchentüte direkt vorm Bäcker, der Ball im Gesicht im Sportunterricht, das Klopapier am Schuh, wenn man doch cool wirken will? Oder handle ich gemäß dem Typ „Streber“, der ausschließlich zur Erreichung besserer Bewertungen lernt? Welcher Teil von mir ist (immer noch) wie die aufbegehrende Jugend, die die Eltern mit ihren Ansprüchen und Grenzüberschreitungen in ihre Schranken weist? Oder bin ich auch manchmal wie die Person, die das Netz für digitalen Fun und zur Verbreitung ihrer zynischen Weltsicht nutzt? „Die meisten persönlichen Nachrichten lösche ich oder schicke mysteriöse Emojis zurück.“

Roter Lippenstift in einer weißen Welt

SDL 2019, Weiße Gewänder und roter Lippenstift

Weiße Gewänder und roter Lippenstift, Foto: Hendrik Greweke

Also wird der innere Analytiker auf den Plan gerufen. Er säuselt, einer Motivationsmeditation gleich, Affirmationen, die das zerrüttete Selbst wieder aufbauen sollen: „Trage roten Lippenstift auf! Zeige deine Selbstliebe!“ Von einem „Es ist alles okay… du wirst es schaffen.“ gelangt die Gruppe stets chorisch zum nächsten Level, um wieder Heldin der eigenen Geschichte zu werden.
Das Laufen im Hamsterrad der Anforderungen, das vermeintliche Ausgeliefertsein an das Funktionieren-Müssen und die Notwendigkeit der medialen Präsenz strengen an. Im alarmroten Licht rennen die Spielenden am äußersten Rand ihrer Gefängnisspielfläche entlang und berichten schließlich an der Spielfeldgrenze atemlos von den Erwartungen, die an sie gestellt werden.

„So leidenschaftlich gerne“

Im Kontrast dazu wird eine Persönlichkeit vorgestellt, die den Erwartungen offenbar entspricht: Die Lernerin: „Ich lerne ja nicht, weil ich so leidenschaftlich gerne etwas wissen will, sondern, weil ich so leidenschaftlich gerne gute Noten bekomme. Und deshalb lerne ich auch so leidenschaftlich gerne.“ Es ist fraglich, ob dieser Charakter der Einladung, Teil des AnderLands zu werden, folgt. Denn im AnderLand wird man sich komplett und in allem um dich kümmern, wenn du dich nur an die Regeln hältst. Die hier versprochene Rundumsorglosigkeit gleicht einer Manipulationsmaschine, in die manche vielleicht gar nicht geraten wollen, weil sie die beherrschenden Ängste und Anforderungen nur beiseite schiebt und durch die angekündigte, vertragliche Abhängigkeit neue entstehen lässt.

Berg, Richter, von Düffel

Die Bühnentexte setzen sich unter anderem aus Textfragmenten von Sybille Berg, Falk Richter und John von Düffel zusammen. Dystopische Weltsichten, die einladen, intensiv inhaltlich einzusteigen und in die Selbstüberprüfung zu gehen: In welchem Charakter finde ich mich wieder? Wo spiegelt sich mein Verhalten? Was ist mein AnderLand und wann bin ich dort? Dennoch ist sich die Gruppe auf der Bühne einig, wenn sie behauptet: „Wir gehen ins AnderLand, an den einzigen Ort, an dem wir noch wissen, welchen Erwartungen wir entsprechen müssen.“ Wobei die Definition, was genau AnderLand ist, jeder Person selbst überlassen scheint.

SDL 2019, Bühnenbild der „AnderLand“ aus Schleswig-Holstein

Bühne und Kleidung dienen als Projektionsfläche, Foto: Hendrik Greweke

Ausbruch aus der weißen Welt

Der Bühnenraum ist ein weißes, leeres Quadrat, das vom Publikum von drei Seiten begrenzt wird. Dadurch sind die Spieler*innen den beobachtenden Blicken permanent ausgesetzt. Die uniforme weiße Kleidung der Gruppe dient sowohl optisch als auch inhaltlich als Projektionsfläche für sämtliche Zuschreibungen; ein Neutralgewand, das einlädt, es zu bemalen. Die Texte verraten uns, dass darunter der Selbstzweifel versteckt liegt, der Wunsch etwas zu bedeuten, die Angst im Beliebigen verloren zu sein. Das Spielfeld ist ein analoger Bildschirm. Die Figürchen auf dem 3D-Screen trainieren zwar Kampfkunst für das Aufbegehren, werden dabei aber beleuchtet, mit verstörenden Videoprojektionen überschüttet und mit Musik aus den 80ern beschallt.
Am Ende gelingt ihnen der Ausbruch: Sie durchspringen ihre Grenzen und verschwinden im Dunkel des Zuschauerraums.

Wir wollen!

Spieler*innen der Theater AG aus Lübeck sprechen über ihr Stück „AnderLand“.

Eine szenische Collage als Hommage

Marie Goss

26.Aug. 2019

AnderLand - Interview mit Simone Boles

Andrea Fischer

30.Aug. 2019