Mit den Instagram-Models von Kiel nach Zürich

Der Beginn des Stücks, Foto: Christof Heinz
Bild vonCharlotte Böttcher

Charlotte Böttcher

Im Winter 2017 haben die Abiturient*innen des musischen Zweigs “Musik und Szene” am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg ein Theaterstück geschrieben, das es in sich hat. Ein Stück darüber, was sie zu diesem Zeitpunkt am meisten bewegte, persönlich, politisch und gesellschaftlich.

Der Beginn des Stücks, Foto: Christof Heinz

Stückanfang: Der Chor-Haufen kann sich nicht entscheiden. “Ich kann nicht mehr!”, Foto: Christof Heinz


Das Abitur so gut wie geschafft! Endlich fertig mit der Schule! Gute Gründe, mit Freude und Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Doch gleichzeitig wird ein neuer US-Präsident ins Amt gewählt, Eisbären verhungern und auf Instagram präsentieren Models schier unerreichbare Körperideale.

Neben der Vorfreude auf den Schulabschluss stehen im Jahr des Amtsantritts Donald Trumps Sorgen um die Zukunft. Dazu kommt: Die Welt, in der wir leben, ist unübersichtlich geworden. Die Flut an Informationen und Anforderungen, die dauernd auf uns einströmen, verursacht Stress und überfordert uns. Was alles passiert, ist linear kaum mehr wahrnehmbar. So verzichteten die Schüler*innen konsequenterweise auch auf eine lineare Erzählung und entschieden sich für ein postdramatisches Diskurs-Stück.

Für die Erarbeitung des Stücks bildeten sie zunächst Teams, um Texte zu unterschiedlichen Diskursen, etwa „Donald Trump“ oder „Klimawandel“, zu verfassen. Spielleiter Elmar Supp betont, dass es ihm wichtig war, an dieser Stelle allen Themen Raum zu geben, die die Schüler*innen beschäftigten, auch den scheinbar unpolitischen, wie etwa „Schönheitsideale“. In einem weiteren Schritt wurden die musikalischen Stücke ausgewählt, die das Stück immer wieder unterbrechen und von den Darsteller*innen auf der Bühne selbst gesungen werden. Die Titelfindung stand ganz am Schluss.
Die Empfindung der Unsicherheit und der Zwang, ständig selektieren zu müssen, sollten in der Inszenierung auf das Publikum übertragen werden. Dies ist meisterhaft gelungen. Auf der Bühne geschieht während der Aufführung vieles gleichzeitig, auf unterschiedlichen Ebenen, zum Beispiel wenn die Darsteller*innen agieren und dazu Videosequenzen gezeigt werden. So hat, wenn der Vorhang fällt, jeder andere Ausschnitte gesehen, die sich zu einem Gesamteindruck fügen, und am Ende bleibt nur die Wahrnehmung jedes Einzelnen.

Instagram-Models: von Kiel nach Zürich

Tanzen als Erlösung?, Foto: Christof Heinz

„Die Instagram-Models drücken ihr Fett in die Tonne wie ich mein Selbstwertgefühl“ gewann zunächst das Hamburger Festival „Schule macht Theater“ und qualifizierte sich danach für die Teilnahme am SDL 2018 in Kiel. „Die Hamburger überzeugen vor allem durch ihre Spielfreude und ihre musikalischen Talente, die mit vielfältigen Mitteln eine bunte Inszenierung entstehen lassen“, hieß es im Resümee der Bundesjury. Die Aufführung im Kieler Schauspielhaus begeisterte auch das Fachpublikum und der Schweizer Schultheaterverband lud kurzerhand das gesamte Ensemble zum SCHAU, dem Theatertreffen der Schweizer Gymnasien, ein.

In Zürich das Festival SCHAU mit einer Doppelvorstellung an der Hochschule der Künste eröffnen zu dürfen, empfand das Ensemble als große Ehre. Nachdem sie im Sommer 2018 das Abitur erlangt hatten, standen die jungen Erwachsenen im Mai 2019 nochmals gemeinsam auf der Bühne, über die Schulzeit hinaus verbunden durch das Schultheater. Manche unterbrachen eigens zu diesem Zweck ihre Auslandsaufenthalte. Neben der großen Bühne genossen sie in der Schweiz vor allem die Drei-Länder-Atmosphäre und nutzen die Gelegenheit, sich mit deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schauspieler*innen auszutauschen.

Instagram-Models: kein versöhnliches Ende

Im Angesicht der Katastrophe, Foto: Christof Heinz

Das Stück „Die Instagram-Models drücken ihr Fett in die Tonne wie ich mein Selbstwertgefühl“ berührt durch seine Authentizität und nicht zuletzt dadurch, dass dem Zuschauer kein versöhnlicher Schluss gegönnt wird. Die Schüler*innen auf der Bühne beweisen, dass sie viel können – Texte schreiben, schauspielern, singen – und viel zu sagen haben. Aber sie bleiben dennoch unsicher. Die Probleme der Welt erscheinen am Ende der 60-minütigen Spielzeit gleichbleibend überfordernd und ungelöst. Vielleicht sollte man sie den folgenden Generationen überlassen? Dieses schmerzliche Eingeständnis der Hilflosigkeit machte die „Instagram-Models“ zu einer echten Erfolgsgeschichte.

Noch einmal würden die Schulabgänger das Stück trotzdem nicht aufführen wollen, darin seien sie sich einig, so Supp. Als sie 2017 mit der Arbeit begannen, war Donald Trump neu im Amt und die Fridays for Future gab es noch nicht. Wer die Aufgabe der Kunst ernst nimmt, der Zeit immer ein Stück voraus zu sein, muss sich heute jedoch bereits wieder anderen Themen zuwenden.

Die Fachtagung des Schultheaters der Länder

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17.Juli 2019

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