Interview mit Gunter Mieruch (BVTS)

Die SchülerInnen nutzen den Raum für ihr Theaterstück, Foto: Marie Goss

Gunter Mieruch ist Theaterlehrer und gemeinsam mit Ulrike Mönch-Heinz Vorstandsvorsitzender des BVTS. Im Interview sprach er über den „Raum“, der nicht nur in diesem Jahr (als „Raum.Bühne“) Thema des SDL ist - schon drei Mal befasste sich das Festival mit der Thematik. Er verriet uns, wie es dazu kam und welche außergewöhnlichen Zugänge einige Theatergruppen in der Vergangenheit wählten.

Gunter Mieruch, Vorstandsvorsitzender des BVTS (Doppelspitze), Foto: BVTS

Gunter Mieruch, Vorstandsvorsitzender des BVTS (Doppelspitze), Foto: Gunter Mieruch

1. Der Raum war bereits öfter Thema beim SDL. Wie kommt es dazu? Welche besondere Bedeutung hat der Raum Ihrer Meinung nach für das (Schul-)Theater und besonders für Jugendliche?

Ja, mit dem Thema „Theaterraum“ beschäftigt sich das Schultheater der Länder nun zum vierten Mal in den 35 Jahren seines Bestehens. Das unterstreicht dessen inhaltliche Relevanz, denn neben Raum sind Körper, Sprache/Stimme und Zeit die konstituierenden Handlungselemente des (Schul-)Theaters. Der große Theatermacher Peter Brook sagt dazu: „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht Spieler durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist“ (Der leere Raum, 2009). Dieses Faktum ist vor allem für das Schultheater wichtig, denn aufgrund begrenzter Zeit- und Mittelressourcen bedarf es keines großen Aufwandes, einen Spielraum für Schüler*innen herzustellen. Allerdings soll das nicht heißen, dass man auf Theaterräume in der Schule verzichtet. Für die Probensituation ist es unbedingt wichtig, gerade zu Spielbeginn einen geschützten (möglichst variablen) Theaterraum zu haben. Neben Bühnen- und Alltagsräumen sprechen wir übrigens auch von mentalen oder imaginären Räumen, die durch die präzise Spielweise in der Wahrnehmung des Zuschauers entstehen können.

2. Wie wurde der Raum in die vergangenen SDL eingebunden, bei denen er Teil des Themas war (z.B. in Frankfurt/Main oder Hamburg)?

1994 in Frankfurt/Main erhoffte man sich beim Thema „Spiel-Räume“ Spielideen und Inszenierungskonzepte, die den Zuschauern zeigen sollten, dass es nicht immer der herkömmliche Guckkasten sein muss, sondern dass nahezu jeder Raum für Spiel und Theater genutzt werden kann. Dazu müsse „man lernen, sich vom Gewohnten unabhängig zu machen und gegebene Bedingungen kreativ nutzen“, so der damalige Kulturminister Hartmut Holzapfel in seinem persönlichen Grußwort. „Also raus aus der Kultur-Vernischung, aus dem Elfenbeinturm der Selbstbescheidung, der Verhübschung des schulischen Alltags“, rief Elinor Lippert, die damalige Vorsitzende des BVTS, kämpferisch auf dem Römermarkt zur Eröffnung. Nicht alle eingeladenen Produktionen lösten diesen Anspruch ein. Aber es wurden durchaus erfinderisch von den jugendlichen Spieler*innen schulische Gemeinschaftsräume wie Flure, Foyers, Treppenhäuser und Schulhöfe im Kontrast zu den üblichen Aulen mit Guckkastenbühnen in Augenschein genommen und als theatrale Spielplätze entdeckt. 15 Jahre später in Hamburg spielten dann folgende Fragen eine wesentliche Rolle: Welches Spielmaterial bieten Orte und Plätze einer Stadt für theatrale Fantasien? Bildet die Stadt auch Bedürfnisse heutiger Jugendlichen ab? Wie öffentlich und frei ist die Sphäre des öffentlichen Raums, das Draußen? Wie bestimmt der öffentliche Raum Verhaltensweisen und Erscheinungsbild? Wie könnte die Ordnung eines öffentlichen Raums einen Spielmoment lang aufgehoben werden?

Das Interesse des Schultheaters fokussierte sich auf die Veränderung des Wahrnehmungsverhaltens beim Publikums und dem einzelnen Zuschauer durch site-specific-theatre-Formen. Die eingeladenen Theatergruppen hatten sich in großer Mehrzahl und mit viel Lust auf öffentliche Spiel-Räume im Hamburger Stadtraum eingelassen. Teils transformierten sie ihre Produktionen, teils erarbeiteten sie Produktionen neu an angebotenen Orten. Das hatte natürlich auch Konsequenzen für die gesamte Gestaltung des Festivals (organisatorisch wie kommunikativ), denn aufgrund der unterschiedlichen Raumstrukturen mussten die Gruppen mehrfach spielen und die Teilnehmer*innen konnten meist nur in kleineren Gruppen dem jeweiligen Spielgeschehen zugucken.

3. Gab es auf den vergangenen Festivals zum Thema Raum Stücke, die einen besonders außergewöhnlichen Zugang gewählt oder anderweitig überrascht haben?

Ich erinnere mich, dass mich damals in Frankfurt eine Gruppe aus Mainz sehr überrascht hat, einmal mit der Wahl des Stoffes, den absurden „Fallgesetzen“ des russischen Autors Daniil Charms, der Übersetzung von Prosa in eine bildhafte Bühnensprache, und der Wahl eines ungewöhnlichen Spielortes, einem transparenten mehrstöckigen Treppenhaus in einer Schule, an derem Geländer die Zuschauer lehnten. Ich höre heute noch, wie Hunderte von Tischtennisbällen von ganz oben die Treppenstufen bis zum Keller runterkullerten und ein vielstimmiges, lang anhaltendes Konzert wie ein bösartiges Echolachen von Mächtigen auf höchster Ebene über Untertanen/Versager auf der unteren auslösten.

2009 – in Hamburg – wählte eine Theatergruppe aus Sachsen ein Kaufhaus als Spielort und ließ die Zuschauer auf einem Rundgang durch verschiedene Abteilungen sich bewegen. Ein Verwirrspiel entstand, bei dem man schließlich nicht mehr wusste, ob man Teil des Spiels war. Räumlichkeiten wurden plötzlich anders wahrgenommen, eine Sensibilisierung für die Verführungsstrategien durch eine inszenierte Warenwelt angeregt, der Voyeur im eigenen Selbst bloßgelegt. Die jugendlichen Spieler*innen enthüllten uns nackte Tatsachen unter einem schönen Schein. Eine künstlerische Offenbarung!

Vielen Dank!

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