Jungs gegen Mädchen

Wie schreibt man ein erfolgreiches Theaterstück zum Thema “Der rote Faden”? Möglichkeit eins: Man überlegt sich einen leitenden Grundgedanken - den roten Faden - für das Stück und entwickelt davon ausgehend die Figuren und eine Handlung. Möglichkeit zwei: Man lässt den roten Faden sich selbst zeigen. So haben es 2012 die Schülerinnen der Klassenstufe 12 des Grootmoor Gymnasiums gemacht.
Ihre Lehrerin Constanze Schmidt beschreibt: “Das vage Thema begann sich herauszukristallisieren, als die Schüler*innen zu Beginn des Projekts jede*r für sich [...] Fragen formulierten, aus denen wir zusammen folgende auswählten: - Gibt es etwas Unmögliches? - Wenn ich eine andere Person wäre, würde ich mein jetziges Ich mögen? [...] - Warum bin ich so verdammt gut im Bett?” Mit diesen Fragen arbeiteten die Hamburger Schüler*innen weiter, indem sie sich unter anderem mit den Themen Wahrnehmung, Rollentheorie, Generation Porno und Liebe ausseinandersetzten und Collagen zu der Frage “Was macht Liebe mit mir?” gestalteten. Spielleiterin Schmidt: “Unsere Leitfragen für das Projekt und seine Dramaturgie fanden wir, als die Schüler*innen die Zusammenhänge zwischen den Bereichen in Mind Maps veranschaulichten: Wie entsteht Identität? Wie wird man Junge oder Mädchen? Gibt es Vorbilder, Vorschriften Rituale?”

Wie viel Persönliches will ich preisgeben?

Aufführung von "Jungs gegen Mädchen"

Foto: Günter Frenzel

Die einzelnen Szenen, die nur durch das übergeordnete Thema, nicht aber durch eine stringente Handlung miteinander verbunden sind, wurden auf unterschiedliche Weise entwickelt: Die Jugendlichen arbeiteten mit Bewegungen, die sie als typisch weiblich oder typisch männlich empfanden. Sie entwarfen Bewegungsabläufe auf der Grundlage von Texten, etwa Sprichwörtern zum Thema Liebe, oder sie kreierten in Zweierteams Choreografien zum Thema “Spannungsreiche Annäherung”. Das Erproben und Improvisieren nahm bei der Szenengestaltung viel Raum ein, zum Beispiel beim spielerischen Umgang mit Geschlechterrollen. Im Schutz ihrer Rollen konnten die Schüler*innen Grenzen austesten. Daraus entstand eine weitere Leitfrage, die die Darsteller*innen sich stellen mussten: Wie viel Persönliches will ich preisgeben?

Mit der Spannung dieser Frage spielt “Jungs gegen Mädchen”. Sie wird nie eindeutig beantwortet, sondern immer wieder anders. So wurden manche Szenen nicht festgeschrieben, sondern als Spiel-Räume für Improvisationen angelegt. Während der Aufführungen wurde an diesen Stellen jedes Mal neu improvisiert, etwa wenn Mädchen sich Bärte ankleben und Jungs sich die Lippen schminken konnten, aber nicht mussten.

Von Schwarz auf Weiß zu Weiß auf Schwarz

Auch auf dem SDL 2019: Die Hamburger Eigenproduktion "Jungs gegen Mädchen"

Foto: Günter Frenzel

Die Aula und Bühne des Grootmoor Gymnasiums sind hell, so dass das Ensemble sich auf schwarze Kleidung geeinigt hatte. Als “Jungs gegen Mädchen” dann das Bundesland Hamburg beim SDL in Berlin vertreten durfte, war auch an dieser Stelle Improvisation gefragt: Die Bühne des uni.t der Universität der Künste ist schwarz. Also wechselten die Schauspieler*innen für das SDL zu weißer Kleidung.

Beim SdL 2012 zum Thema “Der rote Faden” fand das Stück viel Anklang. Die Hamburger Eigenproduktion wurde als deutscher Beitrag zum IDEA-Weltkongress nach Paris eingeladen. Die IDEA ist die International Drama in Education Association.

Der IDEA-Weltkongress

Der IDEA-Weltkongress findet alle drei Jahre statt und zählt ca. 15.000 Teilnehmer*innen aus den Bereichen Theaterpädagogik, Forschung, Bildung und Wirtschaft sowie Schüler*innen und Studierende. Workshops, Diskussionen und Aufführungen bestimmen das Programm.

In einem Pariser Hostel war das “Jungs gegen Mädchen”-Ensemble gemeinsam mit anderen Besucher*innen des IDEA-Weltkongresses untergebracht. Schnell knüpfte man Kontakte zur Young Idea Group, einer Gruppe Student*innen aus verschiedenen Kontinenten, zu einer belgischen und einer französischen Theatergruppe.
Kostümiert verteilten die Schüler*innen Flyer in der Stadt, um für die bevorstehende Aufführung zu werben. Die letzten Proben fanden im Hostel-Garten statt.

Gruppen-Choreografie "Jungs gegen Mädchen"

Foto: Günter Frenzel

Als sie ihr Stück auf der Bühne des Centre Wallonie-Bruxelles aufführten, liefen die Darsteller*innen von “Jungs gegen Mädchen” noch einmal zur Höchstform auf: „Die Gruppe war [beim Auftritt in Paris im Vergleich zu vorherigen Auftritten] insgesamt noch ausdrucksstärker, sie hatte mehr Verständnis für das Stück. Der Gruppenzusammenhalt war besser, wie eine Familie.“ (Sophie)
Im Anschluss an die Aufführung kam es noch zu einem regen Austausch: “Es hat super viel Spaß gemacht und nicht nur wir, sondern viele andere Gruppen waren begeistert. So haben wir zum Beispiel nach unserem Stück in einer großen Gesprächsrunde aus Deutschen und Skandinaviern zusammengesessen und über unser Stück, unsere Beziehungen untereinander und den Entstehungsprozess gesprochen.“ (Hanna)

Die Erfolgsgeschichte von “Jungs gegen Mädchen” zeigt: Schultheater verbindet - Geschlechter, Ensemble, Länder!

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