Kritik zu „Der Bau“

Foto: Christof Heinz

Mit ihrer Eigenproduktion verwandelt der Grundkurs „Darstellendes Spiel“ des Berliner Rosa-Luxemburg-Gymnasiums Franz Kafkas „Der Bau“ zu einem selbstgebauten Alptraum.


Das Spiel

Ein Feuerwerk der Schauspielkunst ist die Berliner Inszenierung von "Der Bau“ nach Kafka. Wie Ratten huschten insgesamt 13 Schauspieler in fast ausschließlich gebücktem Gang durch den „Bau“, gekleidet in grauen Overalls über die Bühne. Ihre Knie und Ellenbogen sind gebeult, angeschwollen vom vielen Graben. Die Augenhöhlen sind schwarz geschminkt, so als hätten sie seit Wochen kein Auge geschlossen. Berge von Zeitungen stapeln sich auf der Bühne, im Hintergrund befinden sich sieben, ebenfalls mit Zeitung beklebte Stellwände. Sie stehen isoliert voneinander, schaffen Gänge für die Wesen des Baus. Sie sind grau, und grau sind auch die Kostüme, manche Schauspieler verschwinden im Bühnenbild.

Oliver Kunze

Foto: Christof Heinz

Das Jucken

Jucken, plötzlich ist es da. Woher es auch immer kam. Natürlich und ausgerechnet an dieser unerreichbaren Stelle am Rücken. Da mag man sich noch so sehr verrenken, den Oberkörper drehen, beugen, den rechten Arm über die Schulter nach hinten biegen. Zu kurz. Den linken Arm rechts vorbei am Brustkorb – bringt alles nichts. Unerträgliche Qual. „Könntest du? Ja, genau. Oh ja. Das tut gut.“ Erlösende, schiere orgiastische Wohltat, die nur durch den anderen, den Mitmenschen möglich ist und den man an sich heranlassen muss. – Doch wie? Wenn man vor sich hinhaust und bereits fremde Räume und Gänge im eigenen „Bau“ fürchtet. Und man ohnehin weiß, dass man ihn niemals verlassen wird, so verzweifelt man sich danach sehnt. So sehr wie die Sehnsucht, wird auch das Jucken schlimmer werden. Auf den ganzen Körper übergreifen. Jucken, Kratzen. Für diesen Moment wird es irgendwie gut sein.

Anna Landefeld

Foto: Christof Heinz

Die Gefahr

Mit Schwung dringt er ein, der Fremdling. Wie ein Sack fliegt er über die Wände aus Zeitungspapier, ein rotes Menschlein in Form einer Puppe, schlabberig und knochenlos, so harmlos und leblos und doch so gefährlich. Offenbar. Denn jetzt ist der Fremde im Bau. Er ist im Reich eines eigenartig unbestimmbaren Wesens, das sich in dieser Inszenierung aufgespalten hat in 13 neurotische Kreaturen, die wie Ratten wuseln, wie Mäuse wühlen und wie Maulwürfe ihre Gänge und Räume untertage schaffen, möglichst tief, möglichst dunkel, möglichst weit von all dem entfernt, was ihnen gefährlich werden könnte. Gefährlich wie die rote Puppe. Deshalb wird ihr auch gleich der Wanst aufgeschlitzt. Deshalb wird auch gleich der Schaumstoff aus ihr heraus gepult als seien es Innereien. Niemand hat in diesen Bau einzudringen.

Carolin Werthmann

„Der Bau“

Eigenproduktion frei nach Franz Kafka

Rosa-Luxemburg-Gymnasium

Grundkurs Darstellendes Spiel

Spielleitung: Sabine Kündiger

Spieldauer: 60 Minuten

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