Ich-Sein im Anderland

Foto: Christof Heinz

Die Theater-AG „Fäustlinge“ und der „Spielclub 4“ aus Lübeck spannen in Kooperation mit dem Theater Lübeck einen Bogen von der digitalen Diktatur des Alltags zum Protest gegen die Erwachsenen.

Sie sehen aus wie Pixel, die Lichtpunkte an der Decke des Varieté Theaters, die man nur sieht, wenn man den Kopf ganz tief in den Nacken legt. Ein hübsches Accessoire, wenn man so will, besprenkeln sie schließlich eine Aufführung, in der es um Bits und Bytes und den Turbomodus des digitalen Lifestyles geht. Wobei das dem Kern des Stücks, das sich die Gruppe aus Schleswig-Holstein mit „Anderland“ überlegt hat, kaum gerecht wird. Das Offensichtliche mag die funkelnde Pixelwelt sein, der eigentliche Gedanke aber ist die Ruhelosigkeit, zu der uns nicht nur das Digitale knechtet, sondern etwas ganz anderes, etwas zutiefst Analoges, Menschliches.

Foto: Christof Heinz

In weißen Schlafanzügen wälzen sich die Schauspieler auf dem Boden, es gibt keine Bühne, sie liegen den Zuschauern zu Füßen, Untergebene und Unschuldige in einem unruhigen Schlaf, aus dem sie erwachen. Zwei der Darstellerinnen stehen aufrecht neben ihnen und rezitieren den wohl klassischen Tag eines Schülers: 7 Uhr Wecker, 25 neue Nachrichten. 13 Uhr Mittagessen, währenddessen Amazon. 14 Uhr Netflix. 17.30 Uhr im Klassenchat nach Hausaufgaben fragen. 24-Stunden-Check der Überfülle.

Bislang haben die Festival-Gruppen erstaunlich wenig über ihr Verhältnis zu den sozialen Medien und digitalen Lebensbegleitern in ihren Stücken reflektiert, es dreht sich offenbar doch nicht alles um Handy-Verherrlichung und Instagram-Poesie, sondern viel um das, was auch Teenager vor 30 Jahren beschäftigt hat: Liebe, Beziehung, Partnerschaft, der ungewisse Blick in die Zukunft, die Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden. Schleswig-Holstein, so glaubt man in den ersten 20 Minuten, ist also jetzt diejenige Gruppe, die – endlich, möchte man fast sagen – das aufgreift, was Erwachsene glauben, Kinder und Jugendlichen von heute am meisten beschäftigt. Ziemlich clever negiert die Gruppe diesen Irrglauben allerdings.

Denn als sie beginnen, wie Fische am Boden zu zappeln, während die „Atemlos“-Lyrics von Helene Fischer auf der Leinwand läuft und das Publikum einen halbmotivierten Karaoke-Chor anstimmt, achtet man nicht nur zum allerersten Mal ernsthaft darauf, was die Fischer da eigentlich singt, sondern es wird klar, dass es genau diese Atemlosigkeit ist, die den Alltag der Jugendlichen diktiert. Fast schmerzhaft schmeißen sie sich in einer nächsten Szene mit synchronen Turnübungen längs auf die Matte unter ihren Bäuchen, rhythmisch wippen sie sich auf und ab, eine Darstellerin beginnt ein verbales Gefecht mit ihrer nicht anwesenden Mutter, schimpft, dass die Mutter keine Zeit für sie habe. Immer nur Lernen und Leistung.

Foto: Christof Heinz

Dieser Gruppe bei ihrem Trimmdich-Pfad zuzusehen, macht Spaß, sie rocken die Bühne, als würden sie nie etwas anderes tun, dabei könnte das, worum es ihnen geht, nicht ernster sein. Auf die Schlager-Parade „Atemlos“ folgt „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees aus den 70ern, ein nostalgischer Schwenk in die Vergangenheit, die sie nie erlebt haben, ein bissiger Kommentar auf das Kredo der Älteren, dass früher eh alles besser war. Die Jugendlichen wollen sich loslöten von dem Druck der Eltern, dem Druck, gute Noten schreiben zu müssen, weg von Leistung, weg von Behütung. Sie wollen gar nicht ständig erreichbar sein, ruft einer von ihnen am Ende in den Saal. Sie wollen anständige Diskussionen mit Erwachsenen führen. Wollen ernstgenommen werden. Die einzige Ausflucht erscheint ihnen das „Anderland“, eine Art Hohlraum für ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche, in dem ihnen niemand vorschreibt, das Handy endlich aus der Hand zu legen oder die Musik leiser zu drehen.

Die Forderung passt gut zu dem politischen Aktionismus der Generation, zu dem Aufschrei Freitagmorgens gegen SUVs und Plastiktüten, gegen die fortschreitende Vernichtung der Welt, deren Erbe die Erwachsenen ihnen hinterlassen. Diese Anklage am Ende mag nach Moralkeule klingen, und ein wenig ist es das auch, es wirkt wie eine nachgeschobene Erklärung, als müssten sie sich rechtfertigen für das, was sie da tun. Das Stück hätte auch ohne Appendix funktioniert. Denn die Gruppe hat eine ganz erstaunliche Sogkraft, eine Dynamik, die so erst selten zu sehen war.

Carolin Werthmann

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