Ein Anagramm von Bedeutung

Von Rauch umgeben wanden sich schwarze Gestalten im Steintor Varieté durch den Saal – Die Thüringer Gruppe „Wolfsrudel“ versetzte die Zuschauer am vierten Abend des Festivals in eine besondere Stimmung. Zum anspruchsvollen Inhalt des Stücks „THINCS“ haben wir den Kommentar einer Kulturjournalistin aus München eingeholt!

Ein Anagramm von Bedeutung

Mit „THINCS“ inszeniert das „Wolfsrudel“ aus Thüringen den Roman „Nichts“ der dänischen Autorin Janne Teller. Eine gewagte Versuchsanordnung.

Die Anklage könnte nicht pessimistischer sein, die das Mädchen ihren Mitschülern entgegen schleudert. „Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun." Sie steht auf dem Balkon, von oben herab stiert sie auf die anderen, ein Pulk Jugendlicher auf der Bühne. Später wird sie sich unter sie mischen, eine Außenstehende mit radikaler Ansicht. Mit ihrer Aussage wird sie andere dazu bringen, beweisen zu wollen, dass nicht Nichts eine Bedeutung hat, sondern alles.

Foto: Christof Heinz

Die Theatergruppe „Wolfsrudel“ des Albert-Schweizer-Gymnasiums in Thüringen hat sich dem im Jahr 2000 in Dänemark und zehn Jahre später in deutscher Übersetzung erschienenen Roman von Janne Teller „Nichts“ angenommen. Es ist eine düstere Parabel über die Ungnade des Erwachsenwerdens und die existenzialistische Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Siebtklässler eines dänischen Dorfs glauben, aus ihnen müsse unbedingt und in jedem Fall etwas werden. Oder eher: aus ihnen müsse etwas werden, das nach etwas aussieht.

Ein Stoff mit Hürde also, den sich das „Wolfsrudel“ ausgesucht hat, schwermütig und radikal, nicht unumstritten als Schullektüre, denn im Roman häufen die Schüler einen Berg an Bedeutungen an, heißt: sie tasten sich an die Bedeutung all ihrer Habseligkeiten heran, indem sie abwürgen, was ihnen wichtig ist. Teller beginnt harmlos und steigert sich ins Extreme: einem muslimischen Jungen wird der Gebetsteppich weggenommen, dem Gitarristen schon bald der Finger abgehackt. In der Inszenierung des „Wolfsrudels“ entfächert sich der Exzess jedoch.

Foto: Christof Heinz

Die Darsteller lösen sich von der Vorlage, greifen nicht auf Horrorszenarien zurück, sondern auf eigene Erfahrungen, wie die Trennung von der Freundin, die erzwungen wird, um zu kapieren, dass sie eigentlich sehr wertvoll war. Auch deshalb formt das „Wolfsrudel“ den Titel zu „Thincs“ um, ein Anagramm, ein Statement, um sich zwar auf eine Textbasis zu verständigen, auf der Bühne aber weiterzudenken, über das Gerüst hinaus und im Kollektiv Erzählformen zu finden und zu entwickeln. Das ist selbstbewusst und ein eleganter Weg, den Kloß, den Janne Tellers Text aufkeimen lässt, zu entknoten, ohne seinen Gehalt zu verlieren.

Carolin Werthmann

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