Südlich des Äquators wird die Schokolade matschig

Plastikmüll als Gesellschaftskritik bei der Gruppe aus Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern), Foto: Nils Kleemann

Mecklenburg-Vorpommern, Montessorischule Greifswald, Die Schokoluschen mit „Moby Dick oder die Qual des Wals“

„Schaut euch die Weltmeere vom Ufer aus an… oder bei Google Maps!“ Diesem Rat wollen die 16 Seefahrer*innen der Gruppe „Die Schokoluschen“ aus der Greifswalder Montessorischule lieber nicht folgen und heuern an. Und das ausgerechnet auf der Pequod, dem legendären Schiff des Käpt´n Ahab. Dabei bewegt sie nicht die Idee von Reichtum und Ehre, sondern die Abenteuerlust. Und dieses Abenteuer suchen sie auf einer Theaterreise: Präsente, spielfreudige Spieler*innen feiern die theatrale Erzählkunst auf der Bühne.

Bühnenbilderkunst

SDL 2019, Die Seefahrer*innen aus Mecklenburg-Vorpommern über "Die Qual des Wals"

Die „Seefahrer*innen“ aus Mecklenburg-Vorpommern, Foto: Nils Kleemann

Das im wahrsten Sinne bewegte Stück erzählt mit starken chorische Bildern, eindrücklich gestalteten Chortexten und exakten Bewegungschoreografien eine jugendfreundliche Zusammenfassung des „Moby Dick“ von Herman Melville. Dabei sparen die Spieler*innen nicht an der Verflechtung der Originaltexte mit persönlichen Alltagserlebnisse und Reflexionen. Diese Verflechtungen machen das Stück witzig und eindrücklich. Die Schilderungen des Erzählers Ismael werden gekonnt mit der Erlebniswelt der jungen Spieler*innen verknüpft. So reagiert das Publikum zum Beispiel mit Gelächter auf die Aussage, dass man sich für das kulinarische Darben auf hoher See durch das Essen in der Schulküche bestens vorbereitet fühle.

Gesellschaftskritische Abenteuerkomödie

Und dennoch bleibt die Frage nach dem Warum. Warum in See stechen und Unannehmlichkeiten wie fehlendes WLAN, rationierte Süßigkeiten und traurige Abschiede hinnehmen? Denn wir haben eine Wahl: reisen oder nicht, jagen oder nicht. Aktuelle Themen wie die Kritik am Massentourismus oder die Tendenz zur selbst auferlegten Zucker-Abstinenz schwingen hier entfernt im Subtext mit.
Und auch der Stücktitel verrät zumindest einen Teil der Intention, die Erzählung mit einer Gesellschaftskritik auszustatten: „Die Qual des Wals“. Bildlich umgesetzt durch einen Sack Plastikmüll, der als vermeintlicher Mageninhalt eines verendeten Wals aus dem Jahr 2019 auf die Bühne gekippt wird.
„Wenn die Natur zurückschlägt… “, überleben in dieser Inszenierung alle. Niemand stirbt; weder der weiße Wal, noch der Mensch.

Planken, die die Welt bedeuten

SDL 2019, Aufführung der Gruppe aus Mecklenburg-Vorpommern, Foto: Nils Kleemann

Foto: Nils Kleemann

Der Einsatz von symbolischen Elementen in Akustik und Licht bringt wunderbare Momente mit sich: Wenn das Tocken, das wir schon eine Weile als Soundtrack hören, sich als die Schritte Ahabs auf dem oberen Deck enthüllt, oder wenn sich der blaue Bühnenboden nach dem Walfang blutrot färbt. Die professionelle Bühne des Theaters Vorpommern bietet der Spielgruppe die technische Unterstützung, von der andere Schultheatergruppen nur träumen können. Und „Die Schokoluschen“ unter Christian Holm nutzen das Angebot weise reduziert. Eine starke Regie und intensive Stilisierungen erzeugen Komik, starke Rhythmisierungen strukturieren die Szenenübergänge.
Gelungenes Erzähltheater, das Freude macht.

AnderLand - Interview mit Simone Boles

Andrea Fischer

30.Aug. 2019

Die Qual des Wals - Interview mit Christian Holm

Andrea Fischer

05.Sep. 2019