Lasst die Spiele beginnen…

Generalprobe der Gruppe „Mienenspiel“ aus Lößnitz (Sachsen), Foto: Frank Vogel

AUSGEWÄHLT! In den nächsten Wochen geben wir in drei eingeladene Stücke einen Einblick. Wir stellen die Produktionen aus Sachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern je in einer kurzen Stückreflexion, einem Videotrailer aus dem Bewerbungsvideo mit Stimmen der Spieler*innen zu ihrem Stück und schließlich einem Interview mit der jeweiligen Spielleitung vor.

Sachsen, Oberschule Lößnitz, Gruppe Mienenspiel mit „Spielt!“

„Es ist uns nichts gelungen. Uns ist nichts eingefallen…“ Mit dieser Provokation, vorgetragen von drei jungen Frauen in Sturmmasken, beginnt das Stück „Spielt!“ der Gruppe „Mienenspiel“ aus Lößnitz. Der Rückzug und die Verweigerung sind Dauerthemen ihrer Inszenierung.

Die Maskierten erklären, dass sie zur Unterhaltung des Publikums komplett Unfreiwillige auf die Bühne werfen werden. Es sei ihnen peinlich, dieses einfallslose Nichts persönlich zu zeigen. Und dann purzeln sie herein, eine nach der anderen, sechs junge Frauen im Alter von zwölf bis 16 Jahren, und auch sie wollen hier nicht sein. Beklemmung macht sich breit, wäre da nicht hin und wieder der Bruch ins Komische durch Mimik und chorisch gestaltetes Spiel. Aber die Verweigerung hat Konzept: Wir befinden uns in einer Versuchsanordnung.

SDL 2019, Die Gruppe aus Sachsen in Chemnitz

Die Gruppe vor dem Schauspielhaus Chemnitz, Foto: Claudia Schöniger

„Du wirst aufgefordert zu spielen. Ein Widerspruch in sich.“

Die vierte Wand scheint verglast, eine Kontaktaufnahme zum Publikum entpuppt sich als unmöglich. Dann übernimmt eine Stimme, ähnlich wie bei den “Tributen von Panem”, die scheinbar uneingeschränkte Macht der willkürlichen Gesetzgebung. „Spielt!“ Und die sechs auf der Bühne tun es – aber anders als erwartet.

Die Spielleiterinnen Claudia Schöniger und Beate Düber haben über ein bekanntes Theaterspiel-Repertoire eine halbstündige Theater-Etüde entwickelt, die Möglichkeiten aufzeigt, mit welch einfachen Mitteln eindrückliches Bühnenspiel gelingen kann. Sie verzichten in weiten Teilen auf eine dramatische Behauptung in Form von emotionalem Einfühlungsspiel und reduzieren gekonnt auf wenig Text. In chorischem, stilisiertem Spiel präsentieren sich die jungen Frauen stark und klar.

Und dennoch ist die vorrangige Spielmacherin eine Stimme aus dem Off, die die Regeln ansagt und Aufgaben stellt. Die Spielerinnen beginnen zwar jedes Mal, nach redundanter Nachdenkpose, ein neues Spiel, aber sie folgen dabei stets ihrer eigenen Regelgebung. Ihre Regelverweigerung wenden sie in Spiellust und Freude am Tanz und Gesang.

Tribut an die Tribute

Die Verbindung zur Geschichte von Katniss Everdeen, die in Suzanne Collins “Hunger Games”unfreiwillig vor einem Publikum in einer Arena Aufgaben lösen muss und dabei um ihr Leben "spielt", wird in der Spielanordnung auf der Bühne deutlich. Vor allem das Erstarken der Spielerinnen und das zunehmende Aufbegehren sind Zeichen der Veränderung. Schon im Ausstellen der anfänglichen Fluchtbewegungen weg vom Publikum, der zögerlichen Annäherung der Ersatzspielerinnen und schließlich in dem Aufdrängen von „Spielräumen“ durch die körperlose Stimme zeigt sich ein Entwicklungsprozess hin zum selbstbewussten Umgang des Teams mit der unausweichlichen Situation.

Denn hat es nicht auch etwas Gutes, dieses Gestoßensein ins Bühnenlicht? Ob freiwillig oder unfreiwillig – das Theater-Spiel eröffnet Möglichkeiten.

Das “Mienenspiel”-Team jedenfalls zieht sich am Ende wieder zurück – und winkt einen, zumindest im Ansatz gestärkten, Gruß ins Publikum.

Klangräume

Die Schülerinnen der Gruppe „Mienenspiel“ der Oberschule Lößnitz, Sachsen, sprechen über ihr Stück „SPIELT!“.

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Spielt! - Interview mit Claudia Schöniger

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