AnderLand - Interview mit Simone Boles

Foto: Hendrik Greweke

Im Interview Simone Boles, Lehrerin für Darstellendes Spiel, Philosophie und Deutsch

Herzlichen Glückwunsch! AnderLand wird am 26. September 2019 um 20 Uhr im Steintor Varieté in Halle aufgeführt. Ihr habt euch in der Stückentwicklung intensiv mit dem Festival-Thema „Raum.Bühne“ beschäftigt.
Welchen RAUM nimmt Theater an deiner Schule ein?

In der materiellen Welt ist es so, dass wir einen gut ausgestatteten Theaterraum haben. Und eine Aula – zwar denkmalgeschützt und mit klassischer Guckkastenbühne – aber, wie in der aktuellen Produktion gezeigt, trotzdem variabel nutzbar.

Und der „Raum“ ist auch insofern groß, als wir mit vier Kolleginnen Theater in der 7.-10. Klasse im Wahlpflichtunterricht vierstündig Gestalten unterrichten. Das bekommt dann eine Hauptfach-Wertigkeit. In der Oberstufe bietet die Schule das Fach Darstellendes Spiel zweistündig an. Dann gibt es noch die Theater AG, die zusammen mit dem Theater Lübeck arbeitet. Wir fragen die Theater der Stadt für konkrete Kooperationen an, so zum Beispiel auch das Theater Combinale. Die Finanzierung läuft über den Schulverein oder eine Stiftung, die Michael-Haukohl-Stiftung. Ich kann allen eine solche Zusammenarbeit mit verschiedenen Theater-Profis nur empfehlen. Das lohnt sich!
Außerdem werden immer wieder Klassen von uns eingeladen, an professionellen Bühnenproduktionen teilzunehmen. Die Schulleitung unterstützt hier maximal, zum Beispiel durch Freistellungen.
Eine schöne Entwicklung ist außerdem, dass wir zunehmend Festakte innerhalb der Schule mitgestalten.

Welche Arbeitsprozesse haben zur Verstrickung von Video und Bühnengeschehen geführt?

Das Thema war von Anfang an die Verschmelzung analoger und digitaler Welten. Der Bildschirm war sofort als zentrales Element da. Wir haben uns von unendlich vielen Dingen inspirieren lassen.
Es sollten virtuelle Räume entstehen. Wir haben wahnsinnig viel produziert und dann zusammengeschnitten. Dabei begleitete uns immer die Frage: Was ist für mich eine typisch virtuelle Welt? Knut Winkmann und ich sind von unseren Spieler*innen zugeschüttet worden mit Memes und GIFs. Dabei haben wir bemerkt, dass nicht alle 13-Jährigen sich in derselben digitalen Welt bewegen. Jeder hat seine eigene Welt und trotzdem gibt es auch immer wieder Verbindungen. Alle kennen viral gegangene Memes oder zum Beispiel diesen Zahnseide-Move aus Fortnite. Wir haben das visuelle Material gesammelt und eine Kamerafrau (Katharina Squida-Jabbouti) hat dann alles professionell zusammengeschnitten.

Im Stück wird gesagt: „Flucht ins AnderLand, an den einzigen Ort, an dem wir noch wissen, welchen Erwartungen wir entsprechen müssen.“ Welchen Erwartungen muss man im „AnderLand“ entsprechen?

AnderLand ist ein Sehnsuchtsort. Er bietet Möglichkeiten sowohl in der analogen wie auch in der virtuellen Welt, und gleichzeitig werden durch den Eintritt in diesen Ort andere Möglichkeiten auch wieder genommen. Eine Übung in unserem Probenprozess war: Eine Stunde lang hinsetzen und nichts tun. Die Schüler*innen kamen zurück und waren wie betäubt. Wir mussten sie gewissermaßen wieder wecken. Sie hatten diese Stunde wie eine Meditation empfunden und beschrieben die Erfahrung als befreiend. In ihnen wurden Erinnerungen an netzfreie Zeiten geweckt.

Eure Stückentwicklung war also durch intensive Selbstbeobachtung geprägt?

Ute Pinkert erzählt immer gerne, dass wir uns mit den Spieler*innen auf einer Ebene des Nichtwissens befinden. Wir machen uns zusammen auf den Weg. Im Probenprozess kam die Frage auf: Was wird eigentlich von mir erwartet? Und ein Spieler kam auf die Idee, die Eltern anzurufen, um diese Frage einmal direkt zu stellen. Die Antworten waren teilweise überraschend: Man wolle doch gar nichts vom Kind, außer dass es seinen Platz in der Welt finden möge. Aber wir haben festgestellt, dass das gar nicht stimmt. Die Eltern wollen was! Diese Auseinandersetzung haben wir ebenfalls im Stück bearbeitet. Es war ein wirklich spannender Prozess.

Und ein gelungener! Ich wünsche euch toi, toi, toi für euren Auftritt in Halle.

Du wirst wieder okay sein…

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