Schultheatertage: Theaterzauber und belegte Brötchen

FANTADA im Spielzauber bei den Darmstädter Schultheatertagen, Foto: Olaf Mönch
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Andrea Fischer

Regionale Theatertage: Die Darmstädter Schultheatertage

Die Theatergruppen der Landkreisschulen aus Darmstadt/Dieburg nutzen gerne das Angebot der Darmstädter Schultheatertage. Hier findet eine Auswahl nach einem Bewerbungsverfahren statt. Das Staatstheater Darmstadt und die Freie Szene Darmstadt e.V. kooperieren in der jährlichen Ausrichtung des Festivals. Die Spieler*innen treten auf professionellen Bühnen auf und die Festivalleitung bringt immer zwei Theaterteams als Patengruppen zusammen. Ein System, das Kreise zieht, weil sich hier Gruppen begegnen, die sich sonst gegenseitig nicht erleben würden. Eine schulübergreifende Erfahrung: Wir sind nicht alleine! Am Workshoptag zu Beginn der Schultheatertage stellt dieses Gefühl sich sofort ein.

Im Interview Nike-Marie Steinbach, Theaterpädagogin und Regisseurin am Staatstheater Darmstadt, und Björn Lehn, Geschäftsführer für Kinder- und Jugendkultur am Theater Moller Haus.

Die Darmstädter Schultheatertage gibt es seit 10 Jahren. Bis 2008 wurde das Festival allein vom Staatstheater ausgetragen. Warum habt ihr beschlossen zu kooperieren?

BL: Die Theatertage und das jährliche Weihnachtsstück waren viele Jahre im Staatstheater die einzigen Angebote für Kinder und Jugendliche. Das Kinder- und Jugendtheater war schon immer stärker in der Freien Szene verortet und hier gab und gibt es kontinuierliche Angebote. Da bot sich die Kooperation an. Auch wegen der unmittelbaren Nachbarschaft der Häuser. Es war damals die erste institutionelle Kooperation zwischen den beiden Häusern, ausgehend von den Theaterpädagogischen Abteilungen, und hieraus hat sich eine gute Zusammenarbeit und Kooperation auch über die Schultheatertage hinaus entwickelt.

Was ist für euch das Wichtigste am Festival?

BL: In der Struktur des Festivals sind die Nachgespräche und der Workshoptag besonders wichtig, weil die Teilnehmer*innen sich hier im Tun kennenlernen. Sie erleben im Spiel andere und werden neugierig auf einander. Das vertieft sich dann in den Nachgesprächen, weil man schon mal auf einer anderen Ebene miteinander Kontakt hatte. In den Workshops treffen auch alle gleichermaßen auf einen fremden Ort und eine fremde Workshopleitung. Sie können zusammen was probieren.

NMS: Deshalb machen wir den Workshoptag als Auftakt: Gleich am Anfang spielerische Kontaktaufnahme ermöglichen.

Alle Schulstufen und Theaterformen vertreten

Wenn die Bewerbungen reinkommen und ihr sie sichtet, habt ihr Kriterien, nach denen ihr auswählt? Worauf achtet ihr besonders?

BL: Wir nehmen keine „qualitative“ Auswahl vor und wollen lieber eine große Breite abdecken. Uns ist wichtig, dass alle Schulformen und -stufen vorkommen. Deshalb kuratieren wir nicht.

NMS: Uns ist wichtig, dass alle Kinder- und Jugendtheatergruppen dabei sein können – also nicht nur Schulen sondern auch andere Institutionen. Klasse ist es, wenn wir verschiedene Formen erwischen: Tanztheater, Musiktheater. Außerdem ermutigen wir Neulinge, sich zu trauen. Manchmal gehört dazu auch ein aufmunternder Besuch einer Probe, bei der wir bereits total Schönes sehen und das Team in der Bewerbung bestärken können.

Nach der Auswahl besucht ihr die Gruppen, die an euren Häusern auftreten. Welche unterschiedlichen Ausgangslagen findet ihr in den einzelnen Schulen vor?

NMS: Einer der Gründe, warum wir die Schulleitung bei der Bewerbung unterschreiben lassen, ist, dass dadurch die Erlaubnis zur Teilnahme bewusst erteilt wird. Damit liegt dann schon mal eine Unterstützung und vor allem eine Wahrnehmung der Gruppe vor. Manche Kolleg*innen arbeiten mit viel Herzblut, aber die Schulleitung nimmt nicht mal Notiz. Wir treffen manchmal auf grauenhafte Umstände.

BL: Zum Beispiel: Zeiträume bekommen ... .

Nachgespräch mit Partnergruppen während der Schultheatertage

Björn Lehn moderiert ein Nachgespräch mit Patengruppen

NMS: Raum überhaupt! Die Gruppen proben zum Teil in Pausenhallen. In Klassenzimmern werden Tische an die Seite geräumt. Das halte ich für vollkommen unentspannt. Schon schwer genug, weil in der Schule immer der gleiche soziale Rahmen vorliegt. Und dann auch noch Theaterarbeit in einem Raum, in dem ich morgens Mathe geschrieben habe.

Meint ihr, die Einladung zum Festival unterstützt die Gruppen innerhalb ihrer Schulen?

Beide: Das wäre schön!

BL: Es kommen auch angehende Theaterlehrer des Weiterbildungskurses „Darstellendes Spiel“ zum Modul „Inszenierungsanalyse“, organisiert vom Landesverband Schultheater in Hessen, zu unserem Festival. Das ist genau der Diskurs, den wir befördern wollen.

Das System der Patengruppe ist eine hervorragende Idee! Eine meiner 6. Klassen war einmal mit einer Förderschule im Team. Die Kinder waren so perplex, dass Theater mit Rollstuhl auf so poetische Weise funktionieren kann. Eine gänzlich neue Erfahrung. Als die beiden Gruppen dann auch noch statt klassischem sprachorientiertem Feedback miteinander ihre Lieblingsspiele gespielt haben, wünschte sich mein Team eine Dauerpatenschaft. Wie erlebt ihr dieses „Verpartnern“?

BL: Genau, es geht um das Zusammen-Spielen! In der Verpartnerung ist das erste Kriterium das Alter oder auch der Spielplan.

NMS: Manchmal packen wir ganz bewusst Gruppen aus unterschiedlichen Ecken zusammen, so dass unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Viele, die spielen, gucken selbst nicht Theater. Dabei ist gucken wichtig! Durch die Patenschaft passiert das.

Aus welchen Gründen sollten sich Gruppen überhaupt für Schultheatertage bewerben?

BL: Theater ist Kunst, die vom Sehen lebt. Deshalb sollten die Gruppen mit ihren Stücken rausgehen, damit auch andere es sehen. Damit vermehren sich die Augen im Publikum! Das bedeutet auch die eigene Komfortzone zu verlassen und in den bewussten Austausch zu gehen.

NMS: Und dann bieten wir hier das Highlight: In das professionelle Theater dürfen Kids kommen und ihre Stücke zeigen – mit Licht und Bühne. Und wenn dann der Funke überspringt …! Für mich bedeutet das: Anderen einen Theaterzauber ermöglichen. Und wenn sie dann hinterher auch noch in der Kantine des Staatstheaters mit den professionellen Akteur*innen ein belegtes Brötchen essen dürfen … .

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